Zum 70. Jahrestag des 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung vom Faschismus

Der religiöse Sozialismus wuchs in der Weimarer Republik zu einer bedeutenden Strömung im Protestantismus, 1926 entstand sogar eine entsprechende Kirchenpartei, um gegen die damalige nationalistische, militaristische und antidemokratische Mehrheit innerhalb der evangelischen Christen anzugehen.

Der 1926 reichsweit konstituierte BRSD hatte unter seinen circa 20 000 Mitgliedern überwiegend Arbeiterinnen und Arbeiter. Er umfasste Quäker, Katholiken, Evangelische unterschiedlichster Ausrichtungen und Juden. Es gab im BRSD besondere Arbeitsgemeinschaften katholischer bzw. jüdischer Sozialisten. Pfarrer waren selbst unter den Funktionsträgern eine Minderheit.

 

Vor 1933 war er faktisch die einzige in den Kirchen organisierte Kraft, die politisch und theologisch die NSDAP/DC und ihre Vorgänger bekämpfte und dies bereits sehr früh. Zur Reichstagswahl am 7. Dezember 1924 unterstützte er die Links-Parteien gegen die radikale Rechte. Für diese einzutreten

»heißt: für den Rassenhass, für die Judenhetze, für die Beseitigung des jüdischen Geistes im Christentum sein, heißt, das Alte Testamentabschaffen,also gegen die Bibel, für Zerstörung des Christentums sein, im Zeichen des Hakenkreuzes. Das Christentum ist unlöslich mit dem Judentum durch Jesus von Nazareth, durch die großen Propheten, die Führer der Gerechtigkeit, Menschenachtung, Weltreligion verbunden. Hakenkreuz und Wotankult sind Feinde des Christentums.«
(Mitteilungsblatt des BRSD Berlin, Nr. 12 v. Dezember 1924)

1930 mahnte der BRSD-Kongress die Kirchen:

»Die religiösen Sozialisten fühlen sich verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass durch die faschistisch-nationalsozialistische Propaganda der vorchristliche, heidnische Machtstaat, die Vorherrschaft der Gewalttätigen und Selbstherrlichen wieder aufgerichtet werden soll.«

Die Stellungnahmen des BRSD im Kirchenwahlkampf des Jahres 1932 nahmen viele der Positionen der Barmer Erklärung von 1934 vorweg. Im zentralen Wahlkampfflugblatt, verfasst von Arthur Rackwitz, hieß es:

»Was wollen die Faschisten in der Kirche? Sie werden zwar versuchen, im Wahlkampf ihr Interesse an der Kirche religiös zu begründen, in Wahrheit aber wollen sie ganz etwas anderes. Sie werden vom Evangelium reden, aber sie meinen damit ihr eigenes Evangelium des Rassenhochmuts, der brutalen Vergewaltigung jeder anderen Meinung, der Verherrlichung des Kriegsgeistes und der militärischen Aufrüstung. Sie haben das Kreuz Christi verzerrt zum Hakenkreuz«.

Die evangelischen Kirchen dagegen dienten sich der NSDAP an. Die BRSD-Wochenzeitung schrieb hierzu Ende Februar 1933:

»In einer Verblendung, die ihnen offenbar selbst nicht zum Bewusstsein kommt, stellen sie sich der politisch-kulturellen Reaktion zur Verfügung. … Erneuerung der Kirche – Zurückführen der Kirche zu einer entschiedenen, wahrhaftigen, evangelischen und christlichen Haltung ist eine der Voraussetzungen wirklicher Zukunft unseres Volkes«.

Aufgrund seiner antifaschistischen Praxis wurde der BRSD 1933 illegalisiert. In der BK und in vielfältigen Widerstandsbereichen arbeiteten religiöse Soziali­sten weiter.
Im Gegensatz zu dem innerkirchlichen Widerstand der BK gegen das Eingreifen des Staates in die Sphäre der Kirche, war der Widerstand der BRSD-Reste eindeutig politisch ausgerichtet. BRSD-Mitglieder waren individuell oder in Gruppen an Widerstandsaktivitäten beteiligt. Berührungsängste gab es hierbei nicht.
Einige Schlaglichter zu den Widerstandsbereichen:

  • Um Bernhard Göring, bis zur Auflösung des BRSD dessen Reichsvorsitzender, bildete sich in Berlin ein Widerstandskreis. Göring, der Gewerkschaftssekretär beim Allgemeiner freier Angestelltenbund (AFA) und persönlicher Referent des Vorsitzenden Aufhäuser gewesen war, war seit Anfang März 1933 die Schlüsselfigur der illegalen Reichsleitung des AFA-Bundes gewesen. Als die Gestapo während der Olympiade 1936 die Grenzkontrollen lockerte, reiste Göring illegal nach Kopenhagen, um sich dort mit Vertretern der Internationale der Angestelltengewerkschaften zu treffen.
  • Ernst von Harnack, langjähriger Funktionär des BRSD und 1933 Leiter der Zehlendorfer Ortsgruppe, war seit 1938 an der Formierung des »20. Juli- Kreises« beteiligt und bildete ein Scharnier zwischen bürgerlichen Widerständlern und Widerstandsgruppen der Arbeiterbewegung. Nach dem Scheitern des 20. Juli 1944 wurde er am 3. März 1945 in Plötzensee hingerichtet.
  • Adolf Grimme, Mitglied des BRSD und ehemaliger preußischer Kultusminister, hatte nach 1933 zuerst einen Kreis von antifaschistischen Intellektuellen um sich geschart, der sich regelmäßig zu Vorträgen traf. In der zweiten Hälfte der 30er Jahre fand er Kontakt zu dem Kreis, der in der Literatur unter dem Namen »Rote Kapelle« firmiert. Im Gefolge der Entdeckung dieses Kreises durch die Gestapo wurde auch Grimme erfasst und entging knapp der Verurteilung zum Tode.
  • Religiöse Sozialisten waren an der Arbeit einer der wichtigsten sozialistischen Widerstandsgruppen, der Gruppe »Neubeginnen« beteiligt. Erich Kürschner, 1933 als evangelischer Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel entlassen, gehörte seit dem Frühjahr 1936 der vierköpfigen Reichsleitung von »Neubeginnen« an. Bernhard Göring war ebenfalls Mitglied bei »Neubeginnen«. Im November 1938 wurde Kürschner in Berlin verhaftet und vom Volksgerichtshof zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.
  • Wichtig waren Kontakte mit der »Religiös-sozialistischen Internationale.« In der Zürcher Gartenhofstraße liefen die Informationen aus den nationalen Organisationen zusammen und hier war auch die Anlaufstelle für die illegalen Gruppen des BRSD. Relevant war die Aufnahme und Versorgung deutscher Flüchtlinge, vor allem aus den Bereichen des BRSD und seines Umfeldes. Aber auch in die Gegenrichtung funktionierten diese Kontakte. Aus der Schweiz wurden religiös-sozialistische Schriften eingeschmuggelt.

Es gab eine breite Beteiligung der BRSD-Theologen an BK-Aktivitäten. Diese Beteiligung erfolgte aufgrund der zutreffenden Analyse, dass der totale Staat keine kirchliche Nische akzeptieren könne. In dieser Situation sei es Aufgabe der BRSD-Theologen, diesen Kampf der BK mitzukämpfen.

Der Kirchenhistoriker Walter Bredendiek resümierte die Haltung des BRSD und besonders seiner Pfarrer:

»Nicht alle r.S.[religiösen Sozialisten] bestanden die Bewährungsprobe. Aber unter den wenigen ev. Theologen, die bereits unmittelbar nach der sog. Machtergreifung Hitlers und vor Beginn des Kirchenkampfes wegen ihrer anti-faschistischen Haltung verhaftet, amtsentsetzt oder diszipliniert wurden, war die Zahl r.S. bes. groß.«

Dr. Ulrich Peter

(Ich habe diese Aktivitäten erstmals in meiner Dissertation Entstehung und Geschichte des Bundes der religiösen Sozialisten in Berlin 1919-1933, Frankfurt/M. 1995 dargestellt.)